von Éric-Emmanuel Schmitt mit Enrica Gera Inszenierung: Manfred Bachmayer Bühnenbild & Kostüme: Kiki de Kock Premiere: Do. 15. April 2004, im TiK THEATER BADEN-BADEN - Intendant Peter Lüdi | ![]() | ||||
Nach "Hotel zu den zwei Welten, "Frédérick, "Der Freigeist und "Der Besucher wird das Theater Baden-Baden kurz vor der deutschen Erstaufführung des neuesten Stückes "Kleine Eheverbrechen noch ein Stück des vom Theater Baden-Baden mit entdeckten, inzwischen in die Bestsellerlisten aufgestiegenen Autors Éric-Emmanuel Schmitt spielen: "Oscar und La Dame rose. Enrica Gera spielt die "Oma Rosa in der Inszenierung von Manfred Bachmayer im TiK. Er hat sich sehr für die Stücke Schmitts eingesetzt und bereits im Rahmen der Matinee zu "Der Besucher Schmitts jüngst mit Omar Sharif erfolgreich verfilmten Prosa-Text "Monsieur Ibrahim oder Die Blumen des Koran bühnenwirksam vorgestellt, und damit den Teil der Trilogie über die Weltreligionen, der sich mit dem Islam beschäftigt. "Oscar und La Dame rose ist dem Christentum gewidmet. Das Stück erzählt vom Leben und Sterben und den damit zusammenhängenden Sehnsüchten und Ängsten anhand eines kleinen krebskranken Jungen. Ein "Tabu-Thema in unserer Gesellschaft, das Sterben, wird hier in seiner krassesten, "ungerechtesten Form gezeigt. Schon das erregt die Gemüter. Ähnlich wie in "Hotel zu den zwei Welten gelingt es Schmitt, dem gläubigen Philosophen, in seiner verblüffenden, sehr inhaltlichen und doch theaterwirksamen Art, daraus eine hoffnungsvolle Poesie zu machen. Das wird ihm nicht selten als platte Sentimentalität ausgelegt. So z.B. war eine Kritik über die deutschsprachige Erstaufführung von "Oscar und die Dame in Rosa in Bielefeld mit "Bittere Pille mit allzu viel Zucker überschrieben. Die | |||||
französische Uraufführungskritiken waren positiver, sprachen von einer "traurigen Geschichte trotzdem so voller Hoffnung, so voller Humor... (Le Figaro) "... fabelhaft! (Les Echos), "Zuerst ist da der Text. Der sehr schöne Text, berührend, sensibel und komisch... (La République), "Oscar et la dame rose ist ganz ohne Zweifel eine der schönsten Aufführungen..." (Pariscope) und der Verkaufserfolg des Buches spricht für sich. Schmitt treibt seine Geschichten eben nicht in eine Rührseligkeit ein happy end gibt es bei ihm eigentlich nie , sondern er setzt sich anhand von Motiven, die oft aus seiner Biographie stammen, mit den zentralen Fragen unseres Daseins, unseres Menschseins auseinander. Wohl dem, der sich da einfach hinter dem Etikett "Rührstück verkriechen kann! Das macht Schmitt allerdings nicht leicht, denn eines können ihm die Kritiker nicht absprechen, nämlich daß er "wortgewandt ist, daß er es versteht, mit solchen Themen umzugehen. Dramaturgisch perfekt gebaut hat er mit "Oscar eine lebendige Synthese aus Briefroman und Monolog entwickelt, die ihre volle Kraft und Imagination nur auf der Bühne entfaltet. | |||||
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Christiane Lenhardt sah die "unterhaltsame Wertevermittlung" und schrieb über "Oscar und La Dame rose" die "lebenspraktische Anleitung für den schnelleren Reifeprozeß", im BT: Wer todkrank ist, muß schneller leben und in seine verbleibende Zeit ein ganzes Leben hineinpacken, auch wenn dazu nur wenige Tage zur Verfügung stehen. Das lernt der kleine unheilbar krebskranke Oscar von La Dame rose so werden Frauen genannt, die in französischen Kinderkliniken freiwillig Betreuungsaufgaben übernehmen. Oscar nennt sie Oma Rosa und das zeugt davon, wie sehr ihm die ältere Dame am Herzen liegt, denn sein Innerstes spricht sie in dieser schwierigen Zeit besser an als die eigenen Eltern. Oma Rosa beschwichtigt nicht, schweigt nicht, wenn andere sprachlos sind, sie hat mit Herzenswärme, Lebenserfahrung und pragmatischer Religiosität versucht, den zehnjährigen Jungen bis zum Ende zu begleiten. Éric-Emmanuel Schmitts Theaterstück über den Sinn des Lebens und des Leidens beginnt da, wo andere Stücke aufhören: nach dem Tod des Helden. In "Oscar und La Dame rose" steht nur eine Frau auf der Bühne in einer Krankenzimmerkulisse, die aus dem Tagebuch des kurz davor gestorbenen Oscar liest, während sie die Spielsachen aufräumt. Und dann geschieht das Phänomenale in dieser eigentlich traurigen Szenerie im Kulissenhaus des Theaters Baden-Baden, daß rund ein Dutzend an Gott gerichtete Kinderbriefe über die letzten Tage von Oscar zu einem brillanten, sogar humorigen und unterhaltsamen Bühnenstückchen werden. Das ist vor allem der unaufdringlichen Wandlungsfähigkeit von Enrica Gera zu verdanken. Sie soll eine ehemalige Catcherin darstellen und wirkt doch eher elegant, wohlgesittet, zurückhaltend und ein bißchen einsam. Als "Oma Rosa" spielt sie dreisprachig: eine Rezitatorin mit fast emotionsloser Lesediktion, eine liebenswürdige, kluge Betreuerin mit warmem, leicht spöttischem Klang und auch den altklugen Briefeschreiber selbst mit seiner jungenhaft rauhbeinigen Wesensart und bärbeißigen Stimme. Zwei pfiffige Engel auf einer Schwarzweißfotografie hinten an der Kulissenwand (ein Zitat aus der DE von Schmitts "Hotel zu den zwei Welten") sehen ihr dabei über die Schulter, als würden sie wißbegierig zum Fenster hereinschauen. Die praktische Krankenzimmereinrichtung von Kiki de Kock (Bühne und Kostüme) weist damit auch auf den besonderen Charme der Inszenierung hin. Der Monolog für eine Schauspielerin mit einem nicht gerade bühnenwirksamen Thema und dem betont christlichen Duktus ist | von Manfred Bachmayer, dem Chefdramaturgen des Theaters Baden-Baden, ebenso flott und heiter wie bedächtig inszeniert worden und wird nur am Schluß ein bißchen arg sentimental. Bachmayer setzt gewagte Zäsuren im Spielfluß, in denen Enrica Gera verstummt und hinterm Vorhang verschwindet, und gewinnt an Nachdenklichkeit: Die Bühne bleibt leer und das Gesagte kann in den Köpfen der Zuschauer nachschwingen. Das ist ein gelungener Kniff, um ein Stück des französischen Autors, das es in sich hat, bis in die Tiefe auszuloten. Schmitts Stil, praktische Lebensphilosophie und nachdenkliche Fragestellungen, in eloquentem Unterhaltungstheater unterzubringen, birgt nicht wenig Gefahr allzu platt und rührselig daherzukommen. Wenn Oma Rosa allerdings ihrem Oscar die Angst vorm Tod nehmen will mit dem Hinweis, daß alle sterben müssen, aber die meisten eben so tun, als wären sie unsterblich, ist das kein dahingesagter Spruch, sondern Fazit einer intelligenten Kommunikation, in der sie seine Ängste ernst nimmt, benennt und seine Lebenslust, ja sogar die frühpubertären Gefühle für Mädchen (mit Hilfe von Peggy blue) anstachelt: Oscar darf und soll, alles gefühlsmäßig durchleben, was ein Mannesleben nach Oma Rosa reich und ausgefüllt macht. Und Oma Rosa weiß und Oscar versteht vieles, manchmal zu viel für einen Zehnjährigen. Allerdings soll das auch ein Junge sein, der jeden Tag zehn Jahre reifer wird. Das Publikum reift mit. Und obwohl in Schmitts Stück dauernd über Gott gesprochen wird, geschieht das nie frömmelnd oder einseitig christlich. Oscar und La Dame rose besprechen Werte, die allgemeingültig sind, die erfrischend und einleuchtend vermittelt werden: Mut, Geduld und Vertrauen. Wer hat das nicht nötig. Über die "Notiz für den lieben Gott notierte Tanja Kasischke in der BNN: Monsieur Ibrahim hat Konkurrenz bekommen. Während das Debüt des französischen Erzählers Éric-Emmanuel Schmitt erst die Bestsellerlisten erklomm und nun als Verfilmung Lorbeeren einheimst, hält das Theater Baden-Baden schon einen stimmungsvollen Nachfolger bereit. Manfred Bachmayer hat die Bühnenbearbeitung von Schmitts "Oskar und die Dame in Rosa" im Theater im Kulissenhaus inszeniert. Bewährte Motive moderner Literatur übersetzt das Ein-Personen-Stück mit feinfühligen Sprechtexten, die den traurigen Grundton der Geschichte in wohltuende Weisheit verwandeln. "Oskar und die Dame in Rosa" ist der Biographie Éric-Emmanuel Schmitts nachempfunden, denn der Autor und sein zehnjähriger Protagonist teilen dasselbe Schicksal: Eine Krankheit fesselt sie ans Bett. Der Bub Éric-Emmanuel hatte Glück, er wurde wieder gesund. Oskar hingegen wähnt sich selbst als hoffnungslosen Fall, was er den Reaktionen seiner Ärzte und Eltern entnimmt: "Je mehr der Doktor mit traurigen Augen schweigt, desto mehr fühle ich mich schuldig." Tapfer erträgt der leukämiekranke Junge erst die Chemotherapie, dann eine Knochenmarktransplantation, beides ohne Besserung seines Zustandes. Oskar begreift, daß er sterben wird, doch seine Eltern verweigern jegliche Thematisierung des Todes. Da begegnet ihm die alte Dame in Rosa, eine ehrenamtlich tätige Kinderpflegerin auf seiner Station. Oskar vertraut sich ihr an, wegen dem zarten Pastellton ihres Kittels nennt er sie "Oma Rosa". Die Dame mit dem "dreizehnstelligen Alter", wie sie dem staunenden Kind verrät, ist fortan Oskars Mentorin. Oma Rosa fordert ihn auf, jeden Tag wie zehn Jahre seines Lebens wahrzunehmen. Auf wundersame Weise erlebt er die Pubertät, das Erwachsenendasein und das Alter, fast wie im Märchen gelingt es ihm, sein Umfeld in die Phantasie einzubinden: Peggy, das kranke Mädchen aus dem Nebenzimmer, wird seine Frau, mit ihr verbringt Oskar sogar eine romantische Liebesnacht. Nur wenige Tage später Oskar ist nach seiner Zeitrechnung Pensionär verläßt sie ihn (und wird aus dem Krankenhaus entlassen). Er genießt seinen Lebensabend in Oma Rosas Gesellschaft, die sogar eine Versöhnung zwischen Eltern und Sohn zustande bringt. Schließlich begegnet ihm sogar Gott. "Auf seine alten Tage" versöhnt, stirbt Oskar friedlich. Oma Rosa hinterläßt er die Notiz, "Nur der liebe Gott darf mich wecken". Die Beziehung zwischen einem kranken Kind und seinem älteren Mentor entdeckten schon Astrid Lindgren oder Jostein Gaarder als Medium, um dem Thema des Sterbens beizukommen. Schmitt verwendet den Dialog von Oskar und Oma Rosa zur Reflexion über Glaube und Religion. Anders als in der Romanvorlage stellt die Bühnenfassung Oma Rosa in den Mittelpunkt, nach Oscars Tod liest sie sein Tagebuch und stellt die darin enthaltenen Szenen in verschiedenen Sprechrollen nach. Enrica Gera porträtiert die ältere Dame glaubhaft und ohne Sentimentalität, sie stimmt Phantasie und Ernsthaftigkeit des Stückes präzise aufeinander ab. Der unsichtbar bleibende Oscar reift darin vom Kind zum weisen Erwachsenen. Wieder spielt Éric-Emmanuel Schmitt mit den Werken anderer Autoren, so etwa wenn er Botschaften anklingen läßt, wie sie schon Saint-Exupérys "Kleiner Prinz" übermittelte... | |||
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Fotos: A.Bachinger | ||